6/2017 Kunstexpress Kassel 48h

Alle fünf Jahre „drückt“ sich internationales Kunstpublikum durch die deutsche Provinz. Darunter auch Vesna Tornjanski von VTPR public relations. Was für 100 Tage konzipiert ist, muss doch auch in 48h zu schaffen sein? Sicher, als die Documenta noch ein Nebenschauplatz der Bundesgartenschau war, zählte man gerade einmal 130.000 Besucher. Heute lockt der Kunsthype ein Millionenpublikum. Unsere Top 10 per Kunstexpress.

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Platz 10 Kulturbahnhof: Hoteltip Reiss im 1950er-Jahre Stil © Dieter Kern

Gott sei Dank platzierte Arnold Bode seine erste Documenta (1955) nicht in Berlin, London, Paris oder New York, sondern in Kassel. Das ist kein Zufall. Schließlich ging es Bode nicht um einen nationalen Wettbewerb wie in den Länderpavillons während der Biennale in Venedig. Nein, es war der Versuch, moderne Kunst von nationalen Zwängen zu befreien und buchstäblich zu dokumentieren. Die Kunst an sich zählt. Ohne jede Ablenkung. Im „Mittelpunkt der Provinz“, wie es in der Süddeutschen Zeitung heißt.

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Platz 9 Friedrichsplatz: Minujins Parthenon zeigt 10.000 verbotene Bücher © Dieter Kern

Ein Glück, dass es noch immer die Kunst ist, die zählt. Und kein Brandenburger Tor, kein Eiffelturm und kein Big Ben. Also konzentrieren wir uns auf die 35 Hot Spots der Kunststadt Kassel (Kartendownload Art Magazin). Adam Szymczyk, der Kurator der diesjährigen Documenta 14, empfiehlt uns einen Spaziergang mit seinen 166 Choristen. Wie er es „vom Schweiger zum Welt-Erklärer“ schafft, lässt sich im Kulturzeit-Interview nachhören. Wir starten natürlich am Friedrichsplatz, bei der Hauptattraktion laut DIE ZEIT, dem Büchertempel. In einem Radius von zwei Kilometern lässt sich von hier aus die Hälfte der Spielorte bequem zu Fuß abhaken, siehe ttt-extra. Parktip: Kulturbahnhof (Tageskarte 4,20 Euro).

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Platz 8 Gustav-Mahler-Treppe: Abwasserrohr von Kunststudenten liebevoll eingerichtet                © Dieter Kern

Im Schweinsgalopp durch das Fridericianum und die Documenta-Halle, flanieren wir anschließend an der Gustav-Mahler-Treppe vorbei ins Palais Bellevue. „Was es heißt, in einem Rohr zu leben“, erzählt uns der irakische Künstler Hiwa K. im Deutschlandfunk, der in den 1980er Jahren aus dem Irak über Griechenland geflohen ist. Als blinder Passagier eines LKW-Transports für Baurohre.

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Platz 7 Palais Bellevue: Blutmühle von Vega Macotela wird gerade repariert © Dieter Kern

Unsere Mittagspause verbringen wir im Palais Bellevue, außen sonnig und gut besucht, aber innen kühl und freie Platzwahl. Mit königlichem Blick auf die Kasseler Karlswiese studieren wir die hölzerne Münzprägekonstruktion des Mexikaners Vega Macotela, die laut Spiegel Online einst von blutiger Sklavenhand betrieben wurde. Unsere Tischnachbarin: Marta Minujin mit blondem Bob und Spiegelbrille, die Kunstwelt in Kassel ist klein.

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Platz 6 Hessisches Landesmuseum: Seifenverkauf von Otobong Nkanga für 20 Euro                       © Dieter Kern

Auf der Suche nach den Seifenverkäufern, werden wir im Hessischen Landesmuseum endlich fündig. „Carved to Flow“ heißt die Aktion der nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga. „Die Revolution frisst ihre Kinder“ titelt DIE WELT. Dabei handelt es sich um eine schwarze Seifenedition, die in Griechenland unter fairen Arbeitsbedingungen eigens für die Documenta 14 hergestellt und verkauft wird, um weitere Seifenproduktionen zu refinanzieren.

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Platz 5 Schlachthof: Lebende Pyramide von Agnes Denes © Dieter Kern

Nach 24h Kunstmarathon tun uns die Füße weg. Daher beschließen wir die restlichen Schauplätze per Mietwagen zu erkunden. Wie es klingt, wenn in der Kunstwelt zwei Leute Blumen gießen, erklärt uns die FAZ anhand der sozialen Pyramidenstruktur der ungarischen Künstlerin Agnes Denes.

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Platz 4 Kurt-Schumacher-Straße: Flüchtige Performance vor den Glaspavillons © Dieter Kern

Verblüffend wie wenig Verkehr auf den Straßen ist. Immerhin schreibt der STERN, Frank-Walter Steinmeier habe die Documenta 14 gestern erst für „das breite Publikum“ eröffnet? Nicht einmal Parkdruck ist zu spüren. Im Gegenteil: Freie Parklücken rund um die Universität – Gießhaus – Gotschalkhalle – Schlachthof – Neue Hauptpost – Kurt-Schumacher-Straße und sogar vor dem Hauptbahnhof: Gratis parken am Wochenende.

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Platz 3 Neue Galerie: Jugoexport-Anstecker von Irena Haiduk © Dieter Kern

Unser waschechter Jugoexport zum Abschluss: Die Belgrader Künstlerin Irena Haiduk ist gleich mit mehreren Arbeiten in Athen und Kassel vertreten. Auszug aus dem documenta 14: Daybook: „Nine Hour Delay (datiert auf 2012–2058) zögert das Verschwinden Jugoslawiens hinaus: Es lässt die jugoslawische Fabrik Borovo in Vukovar (heute kroatisch) schwarze Borosana-Schuhe in ausreichender Zahl produzieren, um das weibliche Personal beider Ausstellungsorte damit auszustatten. Das Schuhmodell – es unterstützt das Fußgewölbe optimal und wurde von den Arbeiterinnen des Betriebs in neun Jahren entwickelt, um ein bequemes Stehen bei der Arbeit über neun Stunden hinweg zu ermöglichen – symbolisiert das Gründungsmotto von Yugoexport: „Wie man sich richtig mit Dingen umgibt.“ (Zitat Monika Szewczyk).

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Platz 2 Neue Galerie: Jugoexport-Kaufvertrag von Irena Haiduk © Dieter Kern
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Platz 1 Jugoexport: Arbeitsschuhe von Irena Haiduk                           © David Bornscheuer

Insgesamt 1.000 Paar Borosana-Schuhe, getragen von den Mitarbeiterinnen der documenta 14, sind über das ganzen Gelände verteilt. Kurzerhand werden sie vom Kunstmagazin Monopol auch gleich in „Documenta-Schuh“ getauft. Für 25 Euro haben wir ein eigenes Paar erworben und vertraglich zugesichert, die „heißen Treter“ (O-Ton Hessenschau) nur im Dienst zu tragen. Die nächste Pressereise kann kommen.